Von letzten Dingen – Mozarts Requiem trifft auf Mahlers Auferstehungssymphonie
Ein ungewöhnliches Programm erwartet das Konzerthauspublikum am 1. November 2011: zwei vielgespielte Werke werden zum ersten Mal in Freiburg in einen spannenden Dialog gebracht. Eine gewagte Verschränkung wird zeigen, dass Mozart und Mahler mehr gemeinsam haben als nur ihren Wiener Wirkungsbereich. Wo die Totenmesse durch das Verscheiden des Komponisten abrupt abbricht, antwortet das Finale der Symphonie mit ihrem großartigen Auferstehungshymnus. Im mittlerweile zur Tradition gewordenen Novemberkonzert des ORSOphilharmonic wird der Gründer und Leiter des Ensembles, Wolfgang Roese, dieses Jahr zwei musikalische Epochen einander gegenüberstellen. Am Ende wird das “O glaube: Du hast nicht umsonst gelebt, gelitten…” Mahlers wie eine Botschaft des Jüngeren an den Älteren erscheinen. Ohne das Revolutionäre des späten Mozart wäre vielleicht auch Mahlers Romantik eine ganz andere geworden.
Solisten in Mozarts Requiem: Susanne Müller (Sopran), Lena Sutor-Wernich (Mezzosopran), Semjon Bulinsky (Tenor), Michael Albrecht (Bass)
Solisten in Mahlers 2. Sinfonie: Fenna Ograjensek (Sopran), Barbara Ostertag (Mezzosopran)
Mahler und Mozart im Dialog
Von letzten Dingen
Im Jahr 1894 nahm Gustav Mahler an der Trauerfeier des berühmten Dirigenten Hans von Bülow teil. Im Geiste trug er die Melodien seiner zweiten Sinfonie mit sich, die ihn während des gesamten Gottesdienstes nicht in Ruhe ließen. "Da intonierte der Chor von der Orgel den Klopstock-Choral “Aufersteh’n!” – Wie ein Blitz traf mich dies, und alles stand ganz ganz klar und deutlich vor meiner Seele! Auf diesen Blitz wartet der Schaffende, dies ist die ‘heilige Empfängnis’! Was ich damals erlebte, hatte ich nun in Tönen zu schaffen." Seit dem Jahr 1888 arbeitete Mahler bereits an der Sinfonie, die Idee eines Schlusschores war von Anfang an mitgedacht, doch wollte ihm so recht kein Ansatz dafür gelingen. Zu sehr fürchtete er der Nachahmung Beethovens 9. Sinfonie bezichtigt zu werden. Dennoch: Der Gedanke ließ ihn nie los – so, als bedürfte es zur Überschreitung der Grenzen des Todes hinein in ein Ewiges der Komplettierung des sowieso schon überwältigend instrumentierten Orchesters durch die menschliche Stimme. Erst im Zusammenklang des ursprünglichsten aller Instrumente mit Orgel, Streichern, Bläsern und Schlagwerk schien eine Vollkommenheit von Klang zu erreichen zu sein, die einem Auferstehungshymnus gerecht werden konnte. Das Streben nach Vollkommenheit, die – im Fall Mahlers vielleicht schon ans Wahnhafte grenzende – Suche nach immer weiterer Steigerung der Ausdrucksmöglichkeiten, das Überschreiten von Grenzen, all diese unruhigen Bewegungen prägten das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert zutiefst. Ein Jahrhundert zuvor, im Wien des Jahres 1791, war von diesen musikalischen Seelenstürmen zunächst noch nichts zu spüren, die Revolution in Frankreich war weit weg und schien für das der Aufklärung aufgeschlossene österreichische Herrscherhaus zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen. Der musikalische Stil der Wiener Klassik fand seine Ideale im Galanten und Empfindsamen, in Klarheit und fester Ordnung. Die berühmte Anekdote, Kaiser Joseph II hätte Mozart gerügt, seine Oper sei zwar ganz schön, jedoch habe sie einfach zu viele Noten, bringt diesen Zeitgeist sicher gut auf den Punkt. Doch sie beschreibt auch, dass in der Musik Mozarts, trotz aller galanter Klassik, trotz aller Leichtigkeit und kompositorischer Perfektion, die damals bestenfalls noch von Mozarts Wiener Kollegen Joseph Haydn erreicht wurde, bereits eine eigenartige Sehnsucht nach mehr hörbar wird. An vielen Stellen klingt die Musik Mozarts, als würde ihr das eigene Korsett musikalischer Gepflogenheiten zu eng, sie platzt aus allen Nähten und fängt sich dann doch in der nächsten Kadenz schnell wieder ein. Vielleicht nur dem Kaiser zuliebe … Eines der Stücke, in denen man eine vollkommen andere, zukünftige, Musik nicht nur erahnen, sondern bereits hören kann, ist zugleich das letzte, das Mozart in seinem kurzen Leben notierte. Der Chorsatz des Lacrimosa in Mozarts Requiem bricht direkt vor dem Höhepunkt eines Aufstiegs ab, der in seiner Harmonik Seinesgleichen sucht. Hier steht nicht mehr Form und Tradition im Vordergrund, hier wird der Mensch selbst in der Musik hörbar. Im Angesicht des eigenen Todes musste Mozart wohl nicht mehr “dem Kaiser – oder dem Kunden – zuliebe” komponieren und wagte es, den Zustand der eigenen Seele in Musik zu fassen. Damit war die Tür zur Romantik aufgestoßen.
Mozart romantisch Gustav Mahler beschäftigte sich in den Entstehungsjahren seiner zweiten Sinfonie immer wieder mit Mozarts Requiem. Von den insgesamt vier Aufführungen dieses Werkes unter Mahlers Dirigat fanden drei in den Jahren 1892-1895 statt, letztere zwischen den beiden Uraufführungen der Sinfonie (zunächst nur die Sätze 1-3, erst später das ganze Werk). Ob sich Mahler in der musikalischen Arbeit an Mozarts Trauerfeier je die Frage gestellt hat, wie er selbst das unvollendete Werk fertig komponiert hätte – damals zur Zeit Mozarts, anstelle von Franz-Xaver Süßmayr – wissen wir freilich nicht. Doch der Gedanke ist verlockend, scheinen doch zwischen der ausschweifenden Romantik Mahlers und dem im Vergleich dazu geradezu dünn anmutenden Werk der Wiener Klassik unüberbrückbare Welten zu liegen. Zumindest aus unserer Sicht, betrachtet aus einer Zeit, die den “historischen Mozart” sucht, mit alten Instrumenten gespielt und auf ein Minimum reduziert. Vor einhundert Jahren interessierte diese Sichtweise kaum, die Suche nach dem immer Umfassenderen und Vollkommeneren schluckte und adaptierte alles, was diesem Ziel zu dienen versprach und machte es zu einem Teil des ganz großen Gefühls. So darf man getrost vermuten, dass Mahler bei den Aufführungen des Requiems ein dicker bestücktes Orchester spielen ließ, als es von Mozart vorgesehen war. Das war damals durchaus nicht unüblich, den Opern Mozarts ist Mahler zu diesem Zweck gleich mit ganz neuen Arrangements zu Leibe gerückt. Belegt ist, dass Gustav Mahler ein begeisterter Mozart-Interpret war und mit seiner romantischen Sicht auf dessen Musik kommende Generationen von Dirigenten beeinflusste. Bruno Walter, Schüler Mahlers, schwärmte geradezu davon, wie sein Lehrer Mozart von der “Lüge der Zierlichkeit” befreit hätte. Vielleicht hätte Gustav Mahler es gar nicht als so weit hergeholt angesehen, seine zweite Sinfonie in einen musikalischen Dialog mit dem Requiem Mozarts zu bringen. Beide verbindet musikalisch ein je ganz eigener Ausdruck seelischer Innerlichkeit, beide Werke wirken in ihrer Auseinandersetzung mit dem Tod und der Frage nach einem ewigen Leben befreit von konventionellen Antworten und traditioneller Form. Mahlers Vertonung des – für unsere heutige der Romantik entwöhnte Ohren fast schwülstig optimistisch klingenden – Klopstock-Textes lässt sich wunderbar als Antwort auf die Schwermut lesen, die Mozarts Requiem von der ersten Noten an durchzieht. Und auch wenn man sicher weiß, dass der große Meister der Spätromantik in seiner Sinfonie keinerlei Bezug zum letzten Werk des großen Klassikers Mozart genommen hat, so gefällt doch der Gedanke, dass die Worte “Oh glaube, du hast nicht umsonst gelebt …” auch der Seele Mozarts gelten könnten, der mitten in der weinenden Klage des Lacrimosa den Stift niederlegen musste, wissend, dass seine Musik nicht ausgereicht hatte, seiner Frau ein Auskommen zu schaffen, sicher nicht ahnend, dass seine Totenmesse auch noch nach über zweihundert Jahren gespielt und die Herzen der Menschen bewegen würde.
Dienstag, 1. November 2011
Konzertbeginn: 19 Uhr Konzerthaus Freiburg Einführungsveranstaltung: 18 Uhr Hausöffnung: 17:30 Uhr Chor und Orchester des ORSOphilharmonic Leitung: Wolfgang Roese